“Verräterkind”: Auseinandersetzung mit den Lügen des Vaters | NDR.de – Kultur – Buch

Stand: 07.12.2022 06:00 Uhr

Der französische Journalist George Salandon hat den Prozess gegen den Nazi-Kriegsverbrecher Klaus Barbie in einen Roman verwandelt. Ein lesenswertes Buch, dessen interessante Idee aber nicht funktioniert.

Von Claudia Ingenhoven

Während der Name Klaus Barbie dem jüngeren Publikum nicht unbedingt bekannt vorkommt, ist er für das ältere Publikum immer noch der Inbegriff des Grauens. Klaus Barbie war während des Zweiten Weltkriegs Chef der Gestapo im besetzten Frankreich Lyon. Er wurde beschuldigt, mehr als 800 Erwachsene und Kinder entführt zu haben, und lebte nach dem Krieg jahrzehntelang in Bolivien, bis er 1987 vor Gericht gestellt und in Leon deportiert wurde.

Schreckliche Kriegsschauplätze

Der Junge besucht jeden Donnerstag seine Großeltern. Er kommt gerne und nach dem Mittagessen gibt es immer Süßigkeiten. Als er zehn war, wollte ihm sein Großvater etwas sagen: “Dein Vater stand auf der falschen Seite des Krieges.” Der Junge war sich nicht ganz sicher, was der Satz bedeutete – sein Vater war alarmiert, als er davon erfuhr. Besuche bei den Großeltern wurden abgesagt.

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Der Sohn stellt über die Jahre Fragen, manchmal erzählt ihm der Vater die Schrecken des Krieges, dem er immer knapp, aber heldenhaft entronnen ist. Je älter der Junge wird, desto weniger vertraut er seinem launischen Vater.

Jetzt, Mitte 30, haben ihn seine Redakteure nach Lyon geschickt, um über die Klaus-Barbie-Recherchen der Zeitung zu berichten. In seiner Heimatstadt Lyon würde er seinen Vater wiedersehen. Er will vor Gericht kommen – Barbie, er kennt sie.

Aus dem Fernsehen bekommt er das Bild eines Gerichtsverfahrens zu sehen, und er erwartet fliegende Hemden, dramatischen Donner und überraschende Wendungen. Volkstribunale faszinierten ihn, Jammern ekelte ihn.
Lesemuster

Vaters Lügenmärchen

Für den Journalisten, die erste Person in der Geschichte, ist dies ein zweischneidiges Schwert. Er will sich ganz auf diesen historischen Prozess konzentrieren; Die Zeugenaussagen der überlebenden jüdischen Opfer führen ihn weiter. Andererseits hofft er, dass sich auch sein Vater beirren lässt und sie endlich ehrlich miteinander reden können. Während des Prozesses muss er seinen Vater immer wieder sehen. Er streckt sich wild und gähnt.

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Bisher scheint es, dass wir nur einmal sprechen müssen. Schwer geschlagen hinterlässt er auf dem Anrufbeantworter seines Sohnes, wie er 1945 als Angehöriger einer SS-Einheit den Führerbunker in Berlin gegen die Bolschewiki verteidigte. Der Sohn fühlt sich erleichtert, als der Vater sich öffnet.

Ich hätte alles akzeptiert (…), denn dieses kranke Leben, diese verrückten Geschichten, diese verrückten Schlachten gehören meinem Vater. Sie hätte es mir gegenüber zugegeben. Wer hätte mir die Wahrheit gesagt. Auf dessen Glauben ich stolz gewesen wäre.
Lesemuster

Aber sein Vater hat ihn angelogen, er könne nicht in Berlin gewesen sein, er sei in Frankreich im Gefängnis, wegen Kollaboration verurteilt. Er stellte sich vielen Seiten vor, den Franzosen, den Deutschen, den Amerikanern. Überall wurden Lügen verbreitet, alles dokumentiert in einer Akte, die der Sohn nun Papier für Papier einsehen konnte, während er sich der Untersuchung meldete.

“Traitor Child”: Eine interessante Idee, die nicht funktioniert hat

George Salandon hat seine eigene Geschichte zum Thema dieses Romans gemacht. Mit fotografischer Perspektive erzählt er von den Prozessbeteiligten vor Jahrzehnten: die Heldentat eines Zeugen, der aussagt, wie der Angeklagte ihn gefoltert hat, Barbies Weigerung, den Opfern zuzuhören, die Beklommenheit des Anwalts. Allein das macht diesen Roman lesenswert. Salandon verliert nur um eins. Challenton lässt uns wissen, dass wir es, bevor wir den Vater und seine Geschichten kennenlernen, mit einem dummen und faulen Volk zu tun haben. Als Sohn kämpft er so erbittert für die Wahrheit, dass er keine Distanz hat. Tagsüber Barbie, nachts Vater, zwei Fälle auf einmal – eine interessante literarische Idee, die nicht funktioniert.

Verräterisches Kind

Von Sorge Chalandon

Seitennummer:
304 Seiten
Kategorie:
Roman
Zusätzliche Information:
Aus dem Französischen übersetzt von Brigitte Gros
Verlag:
DTV
Bestellnummer:
978-3-423-29033-3
Preis:
24 €

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NTR-Kultur | Neue Bücher | 07.12.2022 | 12:40 Uhr

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