‘Ndrangheta: Buch über das kalabrische Krebsgeschwür. – Politik

Die kalabrische Mafia, bekannt als ‘Ndrangheta, ist Europas mächtigste kriminelle Organisation mit Zweigstellen auf allen Kontinenten der Welt. Ihre Geschäftsfelder reichen vom Kokainhandel über Wucher bis hin zur Bauspekulation, wobei der Jahresumsatz vorsichtig auf über 50 Milliarden Euro geschätzt wird. Italienische Ermittler warnen davor, dass Clans dabei seien, die legale Wirtschaft und sogar die Politik in Deutschland und anderen Industrieländern zu untergraben. Gleichzeitig hat die ‘Ndrangheta etwas Altes und Mysteriöses. Ihr Machtzentrum liegt am Rande des italienischen Stiefels, einer der ärmsten Regionen Europas. Hier führt sie ihre Initiationsriten mit Blut, Feuer und Heiligenbildern durch. Hier leben ihre mächtigsten Familien in tristen Dörfern wie San Luca oder Plati.

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Dieser Balanceakt zwischen globaler krimineller Finanzierung und wirtschaftlicher Gefangennahme und quasi-religiöser lokaler Blutsbrüderschaft ist gleichzeitig verwirrend und faszinierend. Es ist ziemlich verwunderlich, dass es in Deutschland kein Buch darüber gibt. Aber eines der Erfolgsgeheimnisse der ‘Ndrangheta liegt unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Die niederländische Journalistin Sanne de Boer versucht, Licht in dieses schwarze Loch zu bringen. Gekonnt, fast köstlich taucht sie mit ihrer ganz persönlichen Geschichte in das komplexe Thema ein. 2006 kaufte die junge Frau für einen Hungerlohn ein heruntergekommenes Haus in einem kalabrischen Dorf. „Ich kannte keine ‘Ndrangheta, und ich gab mich dem Geruch von handgepflückten Orangen, der Hitze von Holzöfen und dem Anblick tiefgrüner Berge und hellblauer Meere hin“, schreibt er. Kurz darauf wurden vor einem italienischen Restaurant im abgelegenen Duisburg sechs Menschen getötet. Die Spur der Verbrecher führt nach Kalabrien, nach „Natrangheta“. San de Boer beginnt sich für das Ereignis zu interessieren.

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“Ein Stamm ist wie seine eigene Religion”

Natürlich steht sie an ihrer Stelle vor Entschlossenheit oder Schweigen. Dann fing eines Nachts das Auto eines Nachbarn Feuer. Der mutmaßliche Dorfchef wurde festgenommen. Und der niederländische Journalist vertieft sich in seine Recherchen zur „Entrangetta“ und sagt: „Es hat mich immer mehr fasziniert.“

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Das Ergebnis ist ein leicht zu lesender und manchmal spannend erzählender Einblick in die Welt der kalabrischen Mafia. De Boer erzählt die Geschichte von mächtigen Bossen wie Mommo Piromalli, tragischen Aussteigern der ‘Ndrangheta wie Maria Concetta Cacciola und dem todesmutigen Geschäftsmann Gaetano Saffioti. Er spricht mit den Anwälten in Kalabrien, dem Priester des Heiligtums von Bolsi, der von der ‘Entrangetta geschätzt wird, und dem Kronzeugen Luigi Bonaventura. Sie erklärt, wie Menschen in die Mafia hineingezogen werden. “Die ‘Ndrangheta sind wie ein Stamm mit eigener Religion und Lebensweise”, sagt Bonaventura. “Als Kind wird man entsprechend erzogen und unterrichtet.”

Politisches Buch: Großer Prozess: Der Gerichtssaal in Lamezia Terme, in dem 2021 der Prozess gegen 'Ndrangheta-Mitglieder beginnen sollte.

Schlüsselprozess: Der Gerichtssaal in Lamezia Terme, in dem 2021 der Prozess gegen Mitglieder der ‘Ndrangheta beginnen sollte.

(Foto: Gianluca Sininia/AFP)

De Boer wehrt sich gegen das Risiko, Kalabrien als dunkle Räuberhöhle zu karikieren. Wer die Region kennt, wird dem Autor zustimmen, wenn er die außergewöhnliche Gastfreundschaft der Menschen dort beschreibt. Er erklärt auch verständlich, wie ein unzureichend fürsorglicher Staat die Bürger von Mezzogiorno mitunter in die Hände krimineller Syndikate treibt. Lassen Sie den Vater einen Platz im Krankenhaus bekommen, besorgen Sie der Tochter einen Job oder erhalten Sie einen schnellen Kredit für Ihr eigenes Geschäft.

Mehr als eine dunkle Räuberhöhle

Bei aller Klarheit und Reflexion wirkt de Boers Buch unstrukturiert und stellenweise fragmentiert. Die persönliche Vision, die das erste Drittel dominiert, nimmt dann allmählich ab. Einige Kapitel mit Berichten oder Forschungsgesprächen gehen abrupt voneinander ab. Manche Geschichten passen nicht gut in ein Buch über die ‘Ndrangheta, wie die über den sizilianischen Anti-Cosa-Nostra-Kämpfer Peppino Impasto oder die Aufnahme von Flüchtlingen in der Stadt Rías. Mehr Konzentration und Vertiefung hätten mehr hervorgebracht.

Trotz dieser Schwächen erfährt der Leser viel über die ‘Ndrangheta. Er untersucht die komplexe Struktur dieser Mafia durch ihre Familien, Führungspositionen und ihre Vernetzung mit Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Gleichzeitig wird deutlich, wie stark die ‘Ndrangheta-Gruppen weltweit an die alten Familien in ihren kalabrischen Dörfern gebunden sind.

Politisches Buch: Der Duisburger Mord: Blumen lagen vor einer Bar im Jahr 2006 "Von Bruno" In Duisburg.  Fünf der sechs Opfer des Mafia-Angriffs stammten aus San Luca in Kalabrien.

Duisburger Mord: 2006 wurden Blumen vor der Bar „Da Bruno“ in Duisburg niedergelegt. Fünf der sechs Opfer des Mafia-Angriffs stammten aus San Luca in Kalabrien.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

De Boers ging es vor allem darum, aufzurütteln. Er beschreibt, wie die kriminelle Organisation nach den Duisburger Morden eine Strategie des Schweigens verfolgte, um Öffentlichkeit und Staatsanwälte in den Schlaf zu wiegen. Die ‘Ndrangheta treten gern als charismatisches Volksphänomen des Südens auf. Jahrelang hat sie ihre Milliardengewinne durch den Kokainhandel mit Südamerika gewaschen, der die nordeuropäischen Länder jahrelang dominierte. Sie investiert in Restaurants und Hotels und übernimmt viele von Unternehmen abhängige Unternehmen durch Kredite. Gleichzeitig wickelt er mit Politikern und Behörden öffentliche Ausschreibungen ab und holt Aufträge ein. Die ‘Ndrangheta steht zunehmend nicht gegen Staat und Gesellschaft, sondern innerhalb von ihnen. “Die Mafia wächst wie ein Krebsgeschwür im Körper”, zitiert der Autor den italienischen Staatsanwalt Antonio Di Bernardo. Sie „wächst und wächst, gerade weil sie Teil der Gesellschaft ist“.

Hamburger Kokainzentrum

Seit Jahrzehnten werfen italienische Ermittler ihren deutschen Kollegen und deutschen Politikern vor, an der ‘Ndrangheta unschuldig zu sein. Beweislast, mangelnde Datensicherheit oder Obergrenzen für Finanztransaktionen erschwerten den Kampf gegen die Mafia. In Italien ist es einfach, unrechtmäßig erworbenen Reichtum zu beschlagnahmen und Kriminelle wegen ihrer Mitgliedschaft in der Mafia strafrechtlich zu verfolgen. De Boer bestätigt diese Behauptungen und beklagt: „Deutschland ist außerhalb Italiens das wichtigste europäische Land für die ‘Ndrangheta.

Politisches Buch: Sanne de Boer: 'Ndrangheta.  Wie Europas mächtigste Mafia unser Leben bestimmt  Aufbau Verlag, Berlin 2022. 350 Seiten, 25 Euro.

Sanne de Boer: ‘Ndrangheta. Wie Europas mächtigste Mafia unser Leben bestimmt Aufbau Verlag, Berlin 2022. 350 Seiten, 25 Euro.

(Foto: Bau)

Das könnte stimmen. Nicht diskutiert wird jedoch, dass Beschränkungen der Strafverfolgung nicht nur auf mangelndem Risikobewusstsein beruhen. In Deutschland wiegen – auch angesichts der Erfahrungen im Dritten Reich – die Unschuldsvermutung, der Datenschutz oder das Ermittlungsgeheimnis schwer. Das macht ein Vorgehen gegen die ‘Ndrangheta manchmal schwieriger als in Italien. Doch der Zweck heiligt nicht alle Mittel, schon gar nicht in einem Strafverfahren.

Bessere Zusammenarbeit zwischen den Justizbehörden

Zudem nimmt die deutsche Justiz heute die ‘Ndrangheta-Thematik ernst. Dies spiegelt sich in den Berichten Italiens wider. Die Direzione Investigativa Antimafia (DIA), die zentrale Anti-Mafia-Behörde in Rom, schreibt in ihrem aktuellen Bericht, dass Polizisten beider Länder eng zusammenarbeiten und Informationen über die Mafia zügig austauschen. Eine große Menge an Drogen und Bargeld wurde beschlagnahmt. Wie notwendig diese Zusammenarbeit ist, beschreibt der DIA-Bericht auch: “Deutschland ist aufgrund seiner zentralen Lage zu einem wichtigen Knotenpunkt für den Drogenhandel mit Südamerika geworden.” Insbesondere der Hamburger Hafen spielt eine wichtige Rolle. Außerdem werden die Clans von San Luca stark in die deutsche Wirtschaft gedrängt.

Das Buch von San de Boer legt auch nahe, dass die globale Mafia nur durch internationale Zusammenarbeit kontrolliert werden kann. Die ‘Ndrangheta sollte sich weder von den Deutschen noch von den Holländern ignorieren lassen.

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