Dreifach-Mord in Rom: Verdächtiger aus Mafia-Milieu

PRati atmet auf, ganz Rom atmet auf. Der grausame Mord an drei Sexarbeiterinnen am Donnerstag gilt als aufgeklärt. Keine 48 Stunden nach dem ersten Notruf wurde die 51-jährige Giandavide D. am frühen Samstagmorgen im Stadtteil Primavalle im Nordwesten Roms wegen dringenden Tatverdachts festgenommen. Nach mehrstündigen Vernehmungen sitzt der Angeklagte nun im Gefängnis Regina Coeli in Rom in Untersuchungshaft. Die Polizei erwischte den Verdächtigen schlafend. Er leistete keinen Widerstand und schien aufgrund seines anhaltenden Kokainkonsums verwirrt zu sein. Auch die blutige Kleidung des Verdächtigen wurde sichergestellt.

Matthias Rub

Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

Die Ermittler kamen Giandavide D. zunächst auf die Spur, indem sie Gespräche auf seinem Handy auswerteten, das er am Tatort des ersten Mordes zurückgelassen hatte. Zudem meldete sich am Freitag eine kubanische Prostituierte mit einem Hinweis bei der Polizei: Als sie am Freitagabend mit Giandavido D. zusammen war, habe er ihr von den Morden erzählt. Schließlich alarmierte die Schwester des Verdächtigen die Ermittler, nachdem Giandavide D. mit blutiger Kleidung zum Haus der Familie in Primavalle gekommen war.

Nach Angaben der Behörden war die 65-jährige Kolumbianerin am Donnerstag gegen 10 Uhr das erste Opfer des Mordes. Weil die Leiche nackt im Bett der Kellerwohnung der Frau gefunden wurde, gehen die Ermittler davon aus, dass der Täter beim oder nach dem Sex mit den Absätzen auf die Prostituierte eingestochen hat.

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Ein drittes Opfer wurde bei einem Fluchtversuch erstochen

Der Verdächtige begab sich sofort in die gut 800 Meter entfernte Wohnung zweier chinesischer Prostituierter, deren Identität nach Angaben der Behörden noch nicht geklärt ist. Offenbar hat der Täter die jüngere der beiden Frauen beim Sex mit derselben Tatwaffe verwundet und zuerst die zu Hilfe eilende ältere Frau mit einem Stich in den Hals getötet. Der Täter stach schließlich auf das Opfer ein, als sie versuchten, auf der Treppe zu fliehen. Die Ermittler veranschlagen die Zeit des Verdächtigen im Doppelmord zwischen 10.30 Uhr und 11.00 Uhr.

Medienberichten zufolge wollte sich der Verdächtige während des Verhörs an nichts erinnern, außer an „viel Blut“. Die Mordwaffe konnte seit Sonntag nicht sichergestellt werden. Der Abgleich von Fingerabdrücken und die Auswertung von DNA-Spuren sollen letzte Zweifel am Täter der festgenommenen Person ausräumen. Dass der mutmaßliche Täter am hellichten Tag in blutbefleckter Kleidung durch die Prati von einem Tatort zum anderen gehen und nach seiner letzten Bluttat unerkannt fliehen konnte, sorgte in der wohlhabenden Nachbarschaft für eine gewisse Aufregung. In Prati befinden sich neben Gerichtssälen und zahlreichen Anwaltskanzleien auch die Zentralen von Fernseh- und Radiosendern sowie Restaurants und Boutiquen.

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Es ist seit langem ein offenes Geheimnis, dass der Sexhandel in dieser Gegend gedeiht, obwohl es keine Straßenprostitution gibt. Meist stellen ausländische Sexarbeiterinnen über entsprechende Bewerbungen den Kontakt zu ihren Kunden her. Auch in den Tagen nach ihrer Ermordung waren die Profile der drei erstochenen Sexarbeiterinnen noch auf mehreren Apps aktiv, fanden italienische Medien heraus.

Mittagspause gleichbedeutend mit bezahltem Sex

Kunden melden ihre Ankunft in den betreffenden Wohnungen per Handy an, woraufhin die Eingangs- und Wohnungstüren geöffnet werden. Anwohner berichten, dass die Männer zu jeder Tages- und Nachtzeit mit ihren Handys chatten oder nur kurz telefonieren, “Ich bin da” sagen und dann zur Tür verschwinden.

Besonders reges Treiben herrscht zwischen 12 und 14 Uhr, wenn Gerichte, Kanzleien und Ämter in der Mittagspause sind. Der Begriff „pausa di pranzo“ (Mittagspause) sei in Prati zum Synonym für bezahlten Sex in den Arbeitspausen geworden, heißt es. Außerdem gibt es einen besonderen Kundenansturm, wenn im Olympiastadion nördlich von Prati ein Fußballspiel stattfindet. Es scheint, dass besonders ausländische Fußballfans wissen, welche Prati-Häuser und -Apartments welche Leistungen und zu welchen Preisen anbieten.

Der Tatverdächtige Giandavide D. ist den Ermittlern kein Unbekannter. Zuvor war er mehrfach wegen Drogendelikten, Waffenbesitz, sexuellen Gewalttaten, Körperverletzung und Hehlerei verurteilt worden. Außerdem wurde er zweimal zur psychiatrischen Behandlung ins Krankenhaus eingeliefert. In der Szene der organisierten Kriminalität ist Giandavide D. als ehemaliger Fahrer, Leibwächter und Faktotum von Michele Senese bekannt.

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Der 1957 geborene Senese, bekannt als „o pazzo“ (der Verrückte), hat in der Hauptstadt Kalabriens seit den 1970er Jahren ein kriminelles Geschäft für den gleichnamigen Camorra-Clan aufgebaut. 2014 wurde Michele Senese zu lebenslanger Haft verurteilt, weil sie den Mord an einem rivalisierenden Clan-Boss angeordnet hatte. Zuvor war er wegen ärztlich bestätigter Epilepsie und Schizophrenie mehrfach vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Vieles deutet darauf hin, dass die Anwälte von Giandavide D. auch wegen des dreifachen Mordes auf Haftungsbeschränkung oder Unfähigkeit plädieren werden.

Während Zuhälterei in Italien verboten ist, ist es Sexarbeit als solche nicht, solange sie nicht auf öffentlichem Grund ausgeübt wird. Es ist allgemein bekannt, dass die Selbstbestimmung der Sexarbeit weder entlang bekannter Landstraßen noch in Privatwohnungen so gut wie nicht vorhanden ist, dass aber die organisierte Kriminalität das Prostitutionsgeschäft fest im Griff hat – selbst in einer Siedlung wie Prati. Es sollte nicht überraschen, dass Pratis mutmaßlicher Mörder Stiletto aus dem Camorra-Milieu stammte.

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