Buchkolumne Lesenswert: Große Emotionen in der Literatur – Fürstenfeldbruck

“Bücher wecken Gefühle”. So banal es klingt, ich kann mich bedingungslos anmelden. Ich sitze an meinem Schreibtisch, mein Blick fällt auf mein Lieblingsbücherregal, und wenn ich die Titel sehe, kommen mir sofort die jeweiligen Emotionen in den Sinn. Wie sauer war ich auf den Protagonisten in „Das Ester-Vermächtnis“ von Santer Marais. Ich bin Ulla Hahns Hildegard durch ein Leben voller Hoffnung und Bewunderung gefolgt. Hin- und hergerissen und voller Zweifel lese ich weiter Siegfried Lenz’ “Talk of the Town”, und wir alle erinnern uns an die schockierende und erschreckende Passage auf Seite 100 von Mariana Leckies “What you can see from here”. Andere Bücher rufen Mitgefühl, Zuneigung, Traurigkeit oder sogar Angst hervor. Alles im Rahmen, mehr oder weniger alles erwartet.

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Aber es gibt Bücher von Heinz Strong, die ich allesamt für hervorragend halte, die mich aber nicht immer packen, mich völlig überraschen und etwas hervorrufen, das ich in anderen Werken selten finde. Zum Beispiel Ekel bei „Der goldene Handschuh“, Peinlichkeit bei „Jürgen“ und jetzt Scham und Unverständnis in seinem neusten Buch „Ein Sommer in Niendorf“. Die Handlung ist schnell erzählt: Roth, vermutlich Mitte 50, braucht eine Auszeit und mietet eine Ferienwohnung an der Ostsee. Er will in Ruhe seine Familiengeschichte schreiben und träumt von einer großen Karriere als Schriftsteller. Aber es funktioniert nicht. Er trinkt viel, trifft fremde Menschen und versinkt immer tiefer in einer Mischung aus Dunkelheit, Selbstüberschätzung, Alkohol und Groll. Die Spirale dreht sich nach unten und am Ende des Sommers ist nichts mehr wie zuvor. So weit, ist es gut. Die Handlung ist nicht ungewöhnlich, und der Ort und die Zeit deuten auf nichts Ungewöhnliches hin. Und doch: Heinz Strunk schildert scheinbar normale Situationen immer wieder aufs Bedrückendste. Seine Protagonisten sind erbärmliche und verlorene Charaktere, die zwischen Entsetzen und Mitleid oszillieren. Allerdings merken sie das meist nicht und haben ein völlig verändertes Bild von sich und anderen im Allgemeinen. Um nichts in der Welt möchte man in der Haut dieser Leute stecken oder mit ihnen Geschäfte machen. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle beim Lesen und wieder eine echte Empfehlung meinerseits. Ich liebe große Emotionen und bin dankbar für jedes Buch, das mich zum Lachen und Weinen bringt oder mich an Orten packt, an denen ich es am wenigsten erwarte.

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Nicola Brünling ist Inhaberin der Buchhandlung Brünling in Buchheim. Aus der Buchhandlung Lesezeichen in Germering stellt sie weiterhin ihr Lieblingsbuch vor, abwechselnd mit Katrin Schmidt und Helen Hoff.

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Der Laden von Nicola Brünling wurde zu „Bayerns Buchhandlung 2021“ gekürt.

(Foto: Leonard Simon)

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